Eigenblut-Therapie: Körpereigenes Plasma gezielt einsetzen
Wie aktiviertes Eigenblut bei ausgewählten Gelenk- und Sehnenbeschwerden Teil eines individuellen Behandlungsplans sein kann
Eine Sehne bleibt gereizt, obwohl Sie bereits länger pausiert haben. Das Knie schmerzt bei Belastung immer wieder. Nach einer Sportverletzung möchten Sie möglichst kontrolliert zurück in Bewegung – aber die betroffene Struktur fühlt sich noch nicht belastbar genug an.
In solchen Situationen kann neben funktioneller Behandlung und einem gezielten Belastungsaufbau auch die sogenannte ACP-Therapie eine Behandlungsoption sein.
ACP steht für „Autologous Conditioned Plasma“. Vereinfacht gesagt wird dabei eine kleine Menge des eigenen Blutes aufbereitet, sodass ein Plasma mit einer erhöhten Konzentration an Blutplättchen für die Behandlung genutzt werden kann.
Der besondere Gedanke dahinter: Es wird kein körperfremdes Präparat eingesetzt, sondern aufbereitetes Material aus dem eigenen Blut.
Für mich ist jedoch entscheidend: ACP ist nicht automatisch für jede Gelenk- oder Sehnenbeschwerde sinnvoll. Die Methode muss zur betroffenen Struktur, zum Befund und zum persönlichen Behandlungsziel passen.
Was ist aktiviertes Eigenblut beziehungsweise ACP?
Unser Blut besteht aus verschiedenen Bestandteilen. Neben roten und weißen Blutkörperchen enthält es unter anderem Thrombozyten – die sogenannten Blutplättchen.
Thrombozyten spielen eine wichtige Rolle bei der Blutgerinnung und setzen verschiedene Boten- und Wachstumsfaktoren frei, die an körpereigenen Prozessen der Geweberegulation beteiligt sind.
Bei der ACP-Therapie wird dieses Prinzip therapeutisch genutzt.
Dafür wird zunächst Blut aus einer Vene entnommen und anschließend in einer speziellen Spritze beziehungsweise einem dafür vorgesehenen System zentrifugiert. Durch die Zentrifugation trennen sich die verschiedenen Blutbestandteile voneinander.
Für die Behandlung wird anschließend das aufbereitete Plasma verwendet.
So läuft die ACP-Behandlung ab
Die Anwendung lässt sich in wenige Schritte unterteilen:
Blutentnahme: Zunächst wird eine kleine Menge Blut entnommen.
Aufbereitung: Das Blut wird für einige Minuten zentrifugiert, sodass sich die unterschiedlichen Bestandteile voneinander trennen.
Gewinnung des Plasmas: Das für die Behandlung vorgesehene Plasma wird anschließend entnommen.
Injektion: Das aufbereitete Plasma wird unter sterilen Bedingungen in beziehungsweise an die zu behandelnde Struktur injiziert.
Welcher Bereich behandelt wird und wie viele Anwendungen sinnvoll erscheinen, hängt vom individuellen Befund ab.
Deshalb arbeite ich nicht mit dem Gedanken: „Drei Spritzen passen für jeden.“
Entscheidend ist vielmehr, wie die betroffene Struktur aussieht, wie lange die Beschwerden bestehen und wie sie auf die ersten Behandlungsschritte reagiert.
Welche Aufgabe hat ACP in der Behandlung?
ACP soll nicht einfach einen Schmerz „wegspritzen“.
Die interessantere Frage lautet:
Welche Aufgabe kann das Verfahren in Ihrem persönlichen Behandlungsweg übernehmen?
Bei geeigneten Befunden kann ACP beispielsweise als ergänzende Möglichkeit eingesetzt werden, wenn gereiztes oder degenerativ verändertes Gewebe gezielt behandelt werden soll.
Dabei geht es nicht darum, eine beschädigte Struktur auf Knopfdruck zu erneuern. Vielmehr wird geprüft, ob das körpereigene Plasma den Behandlungsprozess sinnvoll ergänzen kann.
Das kann besonders dort interessant sein, wo Belastbarkeit nicht allein durch kurzfristige Entlastung zurückkommt.
Bei welchen Beschwerden kann ACP infrage kommen?
ACP beziehungsweise verwandte PRP-Verfahren werden in der Orthopädie bei unterschiedlichen Beschwerden eingesetzt.
Dazu können – abhängig vom individuellen Befund – beispielsweise gehören:
bestimmte Formen der Kniearthrose,
ausgewählte Sehnenbeschwerden,
Beschwerden an Sehnenansätzen,
einzelne sportbedingte Überlastungsbeschwerden,
sowie bestimmte Verletzungen des Bewegungsapparates.
Wichtig ist jedoch die Differenzierung: Die wissenschaftliche Evidenz ist nicht für jede Erkrankung und jede Körperregion gleich.
Gerade deshalb entscheidet für mich nicht allein der Name der Diagnose.
Eine „Arthrose“ kann bei zwei Menschen sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Auch bei Sehnenbeschwerden unterscheiden sich Gewebezustand, Belastung, Dauer und mögliche Begleitfaktoren erheblich.
ACP bei Arthrose: Nicht das Röntgenbild allein behandeln
Bei Arthrose verändern sich die Strukturen eines Gelenks. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass alle Menschen mit demselben radiologischen Befund dieselben Beschwerden haben oder denselben Behandlungsweg benötigen.
Bei ausgewählten Patientinnen und Patienten kann eine ACP- beziehungsweise PRP-Behandlung als nicht operative Therapieoption geprüft werden.
Dabei ist mir eine klare Erwartung wichtig:
ACP baut einen ausgeprägten Knorpelschaden nicht einfach vollständig neu auf.
Das Behandlungsziel liegt vielmehr darin, Beschwerden und Gelenkfunktion im Rahmen eines umfassenderen konservativen Konzeptes zu beeinflussen.
Dazu gehören je nach Situation beispielsweise auch:
gezielte Bewegung,
Muskelaufbau,
Belastungssteuerung,
funktionelle Behandlung,
Gewichtsmanagement,
und weitere medizinisch sinnvolle Maßnahmen.
ACP ist dabei ein Werkzeug – nicht der gesamte Behandlungsplan.
ACP bei Sehnenbeschwerden
Gerade Sehnen benötigen Zeit und angemessene Belastungsreize, um ihre Belastbarkeit anzupassen.
Vollständige Schonung kann kurzfristig entlasten, stellt die Belastbarkeit einer Sehne aber nicht automatisch wieder her.
Deshalb ist für mich bei Sehnenbeschwerden der aktive Aufbau besonders wichtig.
Je nach betroffener Sehne und Befund kann ACP zusätzlich als Behandlungsoption geprüft werden. Die wissenschaftlichen Ergebnisse unterscheiden sich jedoch je nach Sehne und Beschwerdebild deutlich.
Deshalb gilt auch hier:
Nicht jede Tendinopathie benötigt eine Eigenblutbehandlung.
Zunächst muss geklärt werden:
Welche Struktur ist betroffen?
Wie stark ist sie verändert oder gereizt?
Welche Belastung hat zu den Beschwerden beigetragen?
Was verträgt das Gewebe aktuell?
Und welche Behandlung kann jetzt eine sinnvolle Aufgabe übernehmen?
Warum die Spritze allein selten die ganze Lösung ist
Ein Injektionsverfahren kann immer nur ein Teil des Weges sein.
Wenn beispielsweise eine Sehne behandelt wird, anschließend aber dieselbe Überlastung unverändert fortbesteht, fehlt ein wichtiger Teil des Behandlungsplans.
Deshalb kombiniere ich regenerative Verfahren bei Bedarf mit einem funktionellen Blick auf Bewegung und Belastung.
Je nach Beschwerdebild können dabei unter anderem relevant sein:
Beweglichkeit,
Muskelkraft,
Koordination,
Belastungsverteilung,
Trainingssteuerung,
Regenerationszeiten,
und persönliche Alltags- oder Sportziele.
Das Ziel lautet nicht, möglichst viele Methoden miteinander zu kombinieren.
Jede Maßnahme braucht eine klare Aufgabe.
Körpereigen bedeutet nicht automatisch besser
Dass bei ACP körpereigenes Material verwendet wird, ist für viele Menschen ein interessanter Aspekt.
„Körpereigen“ bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Verfahren wirksamer ist als jede andere Behandlungsoption oder dass keine Risiken bestehen.
Auch eine Eigenblutinjektion ist ein medizinischer Eingriff.
Wie bei jeder Injektion können beispielsweise vorübergehende Schmerzen, Reizungen, Blutergüsse oder in seltenen Fällen Komplikationen auftreten. Ob ACP für Ihre individuelle Situation sinnvoll ist, sollte deshalb erst nach Untersuchung und ärztlicher Einordnung entschieden werden.
Was sagt die Wissenschaft?
ACP gehört zur Gruppe der autologen plättchenreichen Plasmapräparate, häufig unter dem Oberbegriff PRP zusammengefasst.
Dabei ist wichtig: PRP ist nicht gleich PRP. Aufbereitungssysteme unterscheiden sich beispielsweise hinsichtlich der Konzentration bestimmter Blutbestandteile. Auch Erkrankung, Körperregion und Behandlungsprotokoll beeinflussen die Studienergebnisse.
Bei Kniearthrose gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass PRP bei ausgewählten Patientinnen und Patienten Schmerzen und Funktion positiv beeinflussen kann. Deshalb wird das Verfahren inzwischen auch in der medizinischen Diskussion und in Leitlinien als mögliche Behandlungsoption berücksichtigt.
Bei Sehnenbeschwerden fällt die Bewertung differenzierter aus. Für einzelne Erkrankungen gibt es positive Hinweise, für andere ist der zusätzliche Nutzen bislang nicht ausreichend geklärt.
Deshalb vermeide ich pauschale Aussagen wie:
„ACP heilt Sehnen.“
oder:
„Mit Eigenblut wächst der Knorpel wieder nach.“
Die medizinisch sinnvollere Frage lautet:
Passt dieses Verfahren zu Ihrem Befund und kann es innerhalb Ihres Behandlungsplans eine sinnvolle Aufgabe übernehmen?
Nicht möglichst viele Behandlungen – die richtige Reihenfolge
In meiner Praxis entscheide ich nicht anhand einer Methode, sondern anhand des Menschen vor mir.
Zuerst kommt die medizinische Einordnung.
Was ist betroffen? Welche Funktion ist eingeschränkt? Was möchten Sie wieder erreichen? Und welche Maßnahmen sind dafür tatsächlich sinnvoll?
Erst daraus ergibt sich die Behandlung.
Bei einer Person kann ACP ein sinnvoller Bestandteil des Weges sein. Bei einer anderen stehen zunächst Bewegung, funktionelle Behandlung oder eine ganz andere medizinische Maßnahme im Vordergrund.
Die Methoden folgen Ihrem Befund – nicht umgekehrt.
Das Ziel: wieder mehr Belastung ermöglichen
Am Ende interessiert Sie vermutlich weniger, wie viele Thrombozyten sich in einer Spritze befinden.
Entscheidend ist, was Sie wieder tun möchten.
Treppen steigen. Wandern. Tennis spielen. Laufen. Arbeiten. Oder einfach durch den Alltag gehen, ohne dass das betroffene Gelenk oder die Sehne ständig mitentscheidet.
Genau daran orientiere ich die Behandlung.
ACP kann dabei – wenn es zum Befund passt – ein Baustein sein. Ebenso wichtig bleiben jedoch der gezielte Aufbau und Ihre aktive Mitarbeit.
Denn langfristige Belastbarkeit entsteht nicht allein durch eine Injektion.
Sie entsteht Schritt für Schritt aus sinnvoller Behandlung, passender Belastung und einer medizinischen Strategie, die zu Ihrem Körper und Ihrem persönlichen Ziel passt.
Hinweis zur medizinischen Einordnung: Die wissenschaftliche Evidenz für ACP-/PRP-Verfahren unterscheidet sich je nach Erkrankung, behandelter Struktur und verwendetem Verfahren. Die Methode ist nicht für jede Patientin und jeden Patienten geeignet. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung.